WEB EXTRA > Blexbolex: Jahreszeiten
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PROGRAMMATISCH Im Durchgang eines Jahres lässt sich der Zyklus von Werden und Vergehen beobachten, auf dem Land deutlicher als in der Stadt. Das großstädtische Leben sucht die Unabhängigkeit vom jahreszeitlichen Wandel, besonders von der damit verbundenen Großwetterlage. Doch Entgegen allen Unabhängigkeitsbestrebungen bleibt die grundsätzliche Einflussnahme von Wind und Wetter bestehen, sie verschiebt sich nur. Wer nicht mehr unmittelbar auf Ernteerfolge angewiesen ist, für den wird das Wetter zur Stimmungsangelegenheit. Irgendwie glaubt man, Sonne, Wind und Regen veranstalten eine Art Theater mit besseren und schlechteren Aufführungen. Kann auf dem Land das Wetter die Ernte vermasseln, so in der Stadt nur noch die Stimmung. Und bis dereinst unter Glas- oder Gashüllen ein immerwährender Frühling unterbrechungsloses Wohlbefinden garantiert, wird es wohl noch eine Weile dauern.
>>Echte Hürden nimmt Blexbolex, wenn er sich an abstrakte Begriffe wagt. Bekanntermaßen ist Abstraktes und Allgemeines im Bild schlecht darzustellen. Wo Begriffe beispielsweise Gattungen bezeichnen können, wird im Bild zwangsläufig der Einzelfall sichtbar. Wer Obst darstellen möchte, wird auf Äpfel und Bananen zurückgreifen, und selbst wenn er noch zwanzig, dreißig andere hinzufügt, so sind es doch immer nur Einzelexemplare von Obstsorten und niemals Obst. >>Komplizierter wird es, wenn man einer Person gänzlich ohne Worte etwas erklären soll, auf das sich nicht mit dem Finger deuten lässt. Welche Zeichen würde man mit Stift und Farbe aufs Papier bringen, um beispielsweise etwas Beunruhigendes darzustellen? Schnell hätte man eine große Anzahl beunruhigender Dinge oder Ereignisse aufgelistet, welche zu zeichnen wohl einige Zeit in Anspruch nähme. Überdies wäre dadurch keineswegs eine erfolgreiche Vermittlung des Begriffs gewährleistet. Man würde feststellen, dass einige dieser Dinge nur unter gewissen Umständen oder nur für einen bestimmten Personenkreis beunruhigend sind, ansonsten aber auch Eigenschaften haben, welche darzustellen man nicht beabsichtigt, weshalb man schließlich davon absehen würde, weitere Gegenstände zu zeichnen. Über andere Wege nachdenkend, käme man vielleicht zu dem Schluss, dass ein Gefühl von Sicherheit oder Normalität der Beunruhigung vorausgehen muss. Weiterhin würde man erkennen, dass nicht die unmittelbare Gefahr beunruhigt, sondern etwas, das nicht eindeutig erkennbar, nicht richtig einzuschätzen ist. Beunruhigen kann auch, was bereits in der Vergangenheit für Ärger gesorgt hat und dessen erneutes Auftauchen daher nichts Gutes erwarten lässt. >>Erwarten«, »nicht eindeutig«, »einschätzen« – Unbestimmtheit ist ein wichtiges Merkmal des Beunruhigenden. Nun ist aber jeder Strich, den man zu Papier bringt, unvermeidlich etwas Bestimmtes: eine Linie ist oder sie ist nicht, sie ist nicht vielleicht oder nur unter bestimmten Umständen eine Linie. Wie dann dem Fremden eine überzeugende Vorstellung vom Beunruhigenden geben? Wie das Unbestimmte bestimmen? >>Man käme vielleicht auf die Idee, eine Person zu zeichnen, die dorthin blickt, wo das Beunruhigende aufzieht, nämlich am Horizont. Ferne und Unwetter haben geradezu prototypischen Beunruhigungscharakter und sind daher als Metaphern bestens geeignet. Weil nicht gezeigt werden darf, was nur erahnt oder vorgestellt wird, würde man das Bild lediglich soweit ausführen, wie notwendig ist, um die unbestimmte Ferne anzuzeigen. Damit wäre wahrscheinlich noch nicht alles geklärt, doch immerhin ein guter Anfang gemacht. ETWAS BEUNRUHIGENDES (Abb. oben) findet man in der hier beschriebenen Darstellung in Jahreszeiten gleich neben Regenschauer – die Auflösung? kann sein. Das Motiv zählt jedenfalls zu den interessantesten Bild-Text-Kombinationen. In welchen jahreszeitlichen Kontext es gehört und weshalb, ist eine Übung für Fortgeschrittene. |
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Abb. alle: © Blexbolex, Jacoby&Stuart 2010, Fotos © Andreas Rauth:
>>Doch nicht immer überzeugen die Motive – begrifflich wie ästhetisch – in dem insgesamt schön gestalteten Buch. Dass manche Bezüge zwischen Text und Bild ungewöhnlich sind, hilft oft die eigenen, routinierten Vorstellungen zu überprüfen. Daneben fallen aber auch Ungereimtheiten auf, die nur noch als falsch zu bezeichnen sind. >>Mag Ein Freudenschrei, das nach Ansicht des Rezensenten bestenfalls einen freudig erregten Rufer zeigt, noch durch interpretierende Randlage produktiv wirken, so wird man den Hagel nur mehr zähneknirschend akzeptieren: Der Niederschlag fällt als lange blaue Linien diagonal durch das Bild – eine bekannte Darstellungskonvention für Regen –, vom Boden aufspringende Hagelkörner fehlen allerdings, wenigstens unterscheiden sie sich nicht von den aufspringenden Regentropfen in Ein Regenguss. Ganz unverständlich bleibt die AmeisenstraSSe. In dem Bild ist tatsächlich eine »Raupenstraße« zu sehen, falls es so etwas gibt. Ameisen sucht man hier jedenfalls vergeblich. >>Kopfschütteln auch bei Nebel, denn ganz offensichtlich handelt es sich um eine Überschwemmung. Entgegen der bekannten Wirkung, alle Farben zu entsättigen, leuchten Primärfarben durch diesen Nebel. Blaue Schlieren liegen über weißem Grund, strahlend rotorange das Dach des Hauses in der Bildmitte. Ist es schon naheliegend, die blauen Schlieren als Wasser zu interpretieren, wird dies durch die rote Farbfläche unterhalb des Hauses noch bestätigt, welche unschwer als Spiegelung des Daches zu identifizieren ist. Und schließlich sieht man vom Giebel einen Hund, der sich dort hinauf gerettet hat, hinunter in die Fluten blicken. Im übrigen versinken auch Bäume in den Wassern und man erkennt im oberen Bilddrittel eine Uferkante. >>Ohne weiter Vermutungen über die Fehlerquelle anzustellen, soll wohlwollend angenommen werden, hier prüft der Autor seinen Leser, der Illustrator den Betrachter. Glaubt dieser, was ihm jener unterschiebt, wird seine Wahrnehmung zur vom Künstler verfügbaren Masse oder prüft er Bilder und Begriffe? Erkennt er an der falschen Zuordnung die Konventionalität der Zeichen? Vielleicht hat Blexbolex die Fehler tatsächlich bewusst im Buch hinterlassen. Jemandem, der so mit den Begriffen arbeitet, ist das zuzutrauen; ja, fast müsste man als Leser/Betrachter enttäuscht sein, hier nicht herausgefordert zu werden. Blexbolex: Jahreszeiten
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