WEB EXTRA > Cornelia und Holger Lund: Audio.Visual
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Absolute Party »Musikalisch dargestellt ist helles Blau einer Flöte ähnlich, das dunkle dem Cello, immer tiefer gehend den wunderbaren Klängen der Baßgeige; in tiefer, feierlicher Form ist der Klang des Blau dem der tiefen Orgel vergleichbar«, schrieb der Maler Wassily Kandinsky 1912 in seinen Ausführungen Über das Geistige in der Kunst. Die möglichst bruchlose Übersetzung von Musik in Bild oder von Klang in Farbe ist ein alter Künstlertraum. Bestrebungen, visuelle und akustische Eindrücke miteinander zu verbinden, gibt es seit der Antike; der Renaissance-Künstler Giuseppe Arcimboldo entwickelte auf Basis der pythagoreischen Tonlehre eine frühe Form der Farb-Klang-Malerei.
>>Wo Musik und Bild stets auch Ausdruck eines jeweils eigenen Mangels sind – Das Bild ist stumm, die Musik unsichtbar – ist deren Kombination auch mehr als Farbton oder Klangbild. Und doch, besieht man sich die Begriffe genauer, wird darin mühelos eine Grenze aufgehoben ist, die in der Wahrnehmung kaum je ganz verschwindet. Die Synästhesie gelingt durch eine der Sprache eigene Syntheseleistung, allerdings um den Preis der Abstraktion: Das Bezeichnete ist im Wort selbst nicht erfahrbar.
>>Audiovisuelle Kunst bleibt deswegen immer beides, nämlich auditiv und visuell, weil zu ihrer Wahrnehmung der Mensch über zwei Sinnesorgane statt einem verfügt. Dass es dennoch eine gemeinsame Realität gibt, belegt schon das Vorhandensein von ebensolchen Begriffen wie Farbton oder Klangbild; und Kandinskys Aussagen sind daher auch keine zufällige Behauptungen, so wenig wie sie empirische Tatsachen wiedergeben.
>>Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich Visual Music zu einer hochdynamischen, weitverzweigten Kunst und Performancekultur entwickelt, die nur noch wenig mit ihren Wurzeln gemeinsam hat. Audio.Visual—On Visual Music and Related Media liefert in wissenschaftlichen Beiträgen, Essays, Bilderstrecken und beiliegender DVD ein bewusst unscharfes Bild eines künstlerischen Feldes, das neue Formen des Erzählens ebenso einschließt wie die Verweigerung jeglicher Narration; traditionelle Filmaufführungen ebenso wie neue Performance-Praktiken. Herausgeber des von der Stiftung Buchkunst unter die schönsten deutschen Bücher 2009 gewählten Bandes sind Cornelia und Holger Lund, die gemeinsam die Medienkunstplattform fluctuating images betreiben und unter anderem im Jahr 2007 das Festival Exploring Party (http://fluctuating-images.de) kuratierten.
Andy Warhol bereitete der Visual Music
Neue Formen des Erzählens und
>>Auch der Londoner Paul Mumford, der mit Videos für Popstars wie Franz Ferdinand, Kylie Minogue oder Depeche Mode beauftragt wurde, und dessen Arbeiten ebenso im The Institute of Contemporary Arts (ICA) oder der Tate Britain zu sehen waren, sucht nach neuen Methoden der audiovisuellen Narration (Abb.). Ein Thema, an dem sich übrigens die Geister scheiden: von den einen als minderwertige mimetische Unterhaltung ohne Erkenntnisgewinn abgelehnt, sehen andere hier die Herausforderung, einer universellen – wenngleich (als Kunstform) schon häufiger totgesagten – Kulturtechnik neue künstlerische Impulse zu geben. Und so bekennt auch Mumford, sein Ziel, »to tell stories through the production of mini-experimental graphic narratives that combine with sound to create feature-length narrative performances … was … a reaction to the random and abstract nature of VJing.« (S. 154) >>Eine spannende Form interaktiver Performance-Praxis findet man in Anja Füstis, Alexandra Mahnkes und Alexandar Nesics Trigger-Drums & Dance (Abb.), das während der Exploring Party im Württembergischen Kunstverein Stuttgart 2007 live aufgeführt wurde. Zwei neben einer Leinwand platzierte Schlagzeuger (Füsti und Nesic) steuern mit »Beat, Rhythmik und Schlagintensität« (S. 306) die Präsenz der vorproduzierten und auf die Leinwand projizierten Bilder der Tänzerin Alexandra Mahnke.
What you see is what you hear >>Ganz andere Wege wiederum geht das Künstlerduo Mikomikona, die mit Text und Bild in Audio.Visual präsent sind. Statt der üblichen Laptops verwenden Mikomikona Overheadprojektoren und Folien für ihre an medientheoretischen Überlegungen orientierten Live-Performances (Abb.). Mit einigen Kunstgriffen haben sie Tageslichtprojektoren in opto-elektrische Analog-Synthesizer verwandelt, auf denen mit Rasterfolien Klangbilder erzeugt werden können. Dadurch entsteht eine für den Betrachter unmittelbar wahrnehmbare Verbindung von Bild und Klang: »The patterns depicted on the transparencies and the motion of these patterns become audible in a fully analogical sense—›what you see is what you hear.‹« (S. 247) >>Audio.Visual gibt in einer gelungenen Auswahl von Bild- und Textbeiträgen einen interessanten Einblick in ein Gebiet der Kunst, dem das gesamte 19. Jahrhundert in der Idee des Gesamtkunstwerks größte Aufmerksamkeit widmete und dem die klassischen Avantgarden zu Beginn des 20. Jahrhunderts begeistert zujubelten. Mit Aufkommen des Computers wurde die Umsetzung von bis dahin durch unzureichende Technik verhinderten Ideen überhaupt erst möglich. Gleichzeitig ist aber auch der künstlerische Horizont ins Alltägliche herabgesunken: heute wird wohl niemand mehr mit dem synästhetischen Programm die Erhabenheit kosmischer Einheitsphantasien beschwören oder die Einheit der Künste verwirklichen wollen. Doch was durch Beschleunigung, Dehnung, Verdichtung und Reduktion des künstlerischen Materials in Verbindung mit Zufall und Wiederholung aus den Lücken der Darstellungs- und Wahrnehmungssysteme befördert wird, bietet nicht nur neue Sinnenerlebnisse, sondern auch, in ihren gelungensten Werken, die Erfahrung von Erkenntnis und Glück. Cornelia Lund und Holger Lund (Hg.):
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